Themen

Vergütungsregeln


Tags

Vergütungsregeln Zeitungshonorare Tageszeitungen Umfrage Journalist Betriebsrat Freie Seminar Online-Debatte Vergütung Webseite Pressemeldung Freien-Gruppen DJV Proteste Berlin Thüringen Titelblätter Aktion Freiburg Weltspartag Demonstrieren Protest OZ-Mitarbeiter Ostsee-Zeitung dju Tarifeinheit

Archiv

  • Juni 2019
  • Januar 2019
  • Juni 2017
  • März 2017
  • Februar 2017
  • Mai 2016
  • November 2015
  • Juni 2015
  • Oktober 2014
  • September 2013
  • August 2013
  • Juni 2013
  • April 2013
  • Februar 2013
  • Januar 2013
  • November 2011
  • Oktober 2011
  • Juni 2011
  • Mai 2011
  • Februar 2011
  • Dezember 2010
  • November 2010
  • Oktober 2010
  • September 2010
  • August 2010
  • April 2010
  • Februar 2010
  • Dezember 2009
  • Januar 2005


  • „Ich arbeite nicht mehr für Tageszeitungen – ich kann es mir einfach nicht mehr leisten!“ Mit dieser Aussage konfrontiert ein langjähriger freier Journalist, Trainer und Seminarleiter junge Journalisten schon seit Jahren. An die Stelle von Tageszeitungen sind bei ihm Tätigkeiten im Bereich von Corporate Publishing, für Fachzeitschriften, Rundfunkmedien und vor allem Weiterbildungsaktivitäten getreten. In der Nahrungskette der Medien scheint der Diskurs über die journalistische Arbeit weitaus mehr wert zu sein als ihre eigentliche Ausübung: „Für Tageszeitungen arbeite ich nur noch, um meinen Namen ab und zu in den Blättern zu sehen, für meine Eigenwerbung“, schließt der Kollege.

    „Einer anderer Kollege mailt: „Ich, 42, bin sicher ein Paradebeispiel für die Situation: Bin seit Jahren als freier Journalist für Tageszeitungen tätig, suche mir derzeit aber auch eher Jobs im Bereich der Pressearbeit für Unternehmen und kenne viele Kollegen, die ähnlich denken: immer weniger Tageszeitung, bringt wirklich nichts. Neulich bot mir eine Zeitung an, ich könnte einen Tag lang einen Großprozess in einer 60 Kilometer entfernten Nachbarstadt verfolgen. Kilometergeld gibt´s keines, dafür aber eine fürstliche Pauschale von ausnahmsweise 30 Euro.“

    Die Arbeit für Tageszeitungen steht im Ranking der Verdienstmöglichkeiten von freien Journalisten tatsächlich ganz unten. Wer intensiv für Tageszeitungen arbeitet, kommt im Durchschnitt auf gerade mal rund 1.500 Euro im Monat (Gewinn vor Steuern und Sozialversicherung), zeigte eine Umfrage unter über 2.000 freien Journalisten im Jahr 2008. 1500 Euro: Das ist nur wenig mehr als die Hälfte des Monatsgehalts eines Berufsanfängers als Redakteur im ersten Berufsjahr.

    Je intensiver für Tageszeitungen gearbeitet wird, desto weniger wird verdient, zeigt die Umfrage. Eine Ausnahme bilden allein die Pauschalisten an Tageszeitungen: Sie verdienen durchschnittlich 2.075 Euro, während allgemein „freie Mitarbeiter“ dort nur 1.838 Euro erlösen. Dafür müssen die Pauschalisten aber auch 46,9 Wochenstunden arbeiten, während die „freien Freien“ nur 43,9 Stunden arbeiten müssen. Sonstige feste freie Mitarbeiter und arbeitnehmerähnliche Personen an Tageszeitungen kommen innerhalb der Gruppe der relativ intensiv Tätigen (60-100 Prozent) auf 1.448 Euro (bei 44,8 Stunden), fest frei und arbeitnehmerähnlich tätige Bildjournalisten an Tageszeitungen auf 1.483 Euro (bei 47 Stunden). Frei freie Mitarbeiter an Tageszeitungen kommen innerhalb der Gruppe der relativ intensiv Tätigen (60-100 Prozent) auf 1.425 Euro im Monat (bei 42 Wochenstunden).

    Mehr als an Tageszeitungen kann in fast allen anderen Medienbereichen verdient werden. An Rundfunkanstalten ist das Einkommen durchschnittlich doppelt so hoch, auch Verdienste im Bereich des Privatfunks, für Zeitschriften und Nachrichtenagenturen fallen deutlich höher aus.

    (Quelle: DJV-Umfrage unter freien Journalisten, 2008)

    Bei rein betriebswirtschaftlicher Betrachtung spricht alles dafür, nicht für Tageszeitungen zu arbeiten. Der Rat, das Berufsfeld zu verlassen, erscheint damit geradezu zwingend.

    Doch die Umfrage zeigt auch, dass der Exodus der Freien aus dem Tageszeitungsbereich eher eine individuelle als eine kollektive Erscheinung ist: Mehr als jeder zweite freie Journalist arbeitet bei Tageszeitungen – rund 55 Prozent. Gleichzeitig heißt das aber nicht, dass Freie damit ausschließlich für Tageszeitungen tätig sind. Vielmehr praktizieren viele der Freien einen Mix aus Auftraggebern. So macht beispielsweise bei der Gesamtgruppe der Tageszeitungs-Freien die Tageszeitung insgesamt nur 48 Prozent der Tätigkeit aus, während weitere 20 Prozent für Fachzeitschriften und 15 Prozent für Online-Medien arbeiten. 11 Prozent der Tageszeitungs-Freien arbeiten für Publikumszeitschriften und zehn Prozent für Rundfunkanstalten. Jeder weitere Medienbereich ist dann mit kleineren Prozentzahlen zu finden.

    Die Umfrage zeigt damit: Auf Tageszeitungen als Auftraggeber wollen oder können die meisten freien Journalisten nicht verzichten. Für die Berufsorganisationen der freien Journalisten, die dju in ver.di und den DJV, bedeutet das noch mehr aktiven Einsatz für die Interessen der freien Journalisten an Tageszeitungen, für die Verbesserung ihrer Arbeitssituation. Flucht kann keine kollektive Strategie sein.

    Mit den am 1. Februar 2010 in Kraft getretenen Vergütungsregeln wollen die beiden Organisationen, die sich gleichermaßen als Gewerkschaften wie als Berufsverbände der freien Journalisten verstehen, eine Verbesserung der Honorare und Vertragsbedingungen für Freie erreichen. Die Vereinbarung, die von der dju in ver.di und dem DJV mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) vereinbart wurde, sieht eine deutliche Erhöhung der Honorare und Beteiligungsrechte bei der Mehrfachverwertung vor. Für viele Freien bedeuten die neuen Sätze eine deutliche Verbesserung. Gleichzeitig ist klar, dass es sich um Mindestbedingungen handelt. Wer mehr verlangen will oder kann, sollte das versuchen.

    Die neuen Sätze sind allerdings bisher bei vielen Freien noch nicht angekommen. Während einzelne Zeitungen wie der Weser-Kurier, die Bremer Nachrichten, die Kieler Nachrichten, die Nürnberger Zeitung oder die Saarbrücker Zeitung die Regeln anwenden, andere wie das Neue Deutschland oder die Junge Welt deren Anwendung ab Herbst 2010 voll oder in Teilschritten vornehmen wollen, halten sich andere Tageszeitungen immer noch zurück. Teilweise wird mit Unkenntnis argumentiert, teilweise wird die Verbindlichkeit der Regelungen in Abrede gestellt. In manchen Fällen wird jede Stellungnahme verweigert.

    DJV und dju in ver.di haben diese Regelungen nicht als gentleman´s agreement vereinbart. Sie sind zwingend. Sie konkretisieren den gesetzlichen Anspruch auf angemessene Vergütung und werden sogar von Gerichten anerkannt. Verlage können sich nicht außerhalb des geltenden Rechts stellen. Es kann nicht sein, dass diejenigen Häuser, die sich als Wahrer der öffentlichen Meinung, als vierte Gewalt ansehen, im eigenen Haus das Recht brechen.

    Die Gewerkschaften DJV und dju in ver.di haben daher die Kampagne „Faire Zeitungshonorare“ gestartet, mit der sie die freien Journalisten, die Redakteure und Betriebsräte gegenüber den Verlagsleitungen mobilisieren wollen. Mit dem Aufruf zur Gründung von gemeinsamen Freiengruppen und Freienräten soll deutlich gemacht werden, dass die Freien zur Durchsetzung ihrer berechtigten Interessen unter dem Dach der Gewerkschaften aktiv werden müssen.

    Die Gewerkschaften setzen auf das Zusammenwirken aller Journalisten. Freie, Redakteure, Betriebsräte – sie alle sind Journalisten. Zusammen können sie Druck gegenüber den Verlagsleitungen ausüben. Sie dürfen sich nicht durch den Hinweis auf angeblich unverrückbar feste Honoraretats abweisen lassen. Die Tageszeitung braucht Arbeit, die angemessen bezahlt wird. Qualität im Journalismus geht nicht durch Billiglöhner. Gemeinsam können die Freien es schaffen.

    Autor: Michael Hirschler

    Kommentare