Themen

Vergütungsregeln


Tags

Vergütungsregeln Zeitungshonorare Tageszeitungen Umfrage Journalist Betriebsrat Freie Seminar Online-Debatte Vergütung Webseite Pressemeldung Freien-Gruppen DJV Proteste Berlin Thüringen Titelblätter Aktion Freiburg Weltspartag Demonstrieren Protest OZ-Mitarbeiter Ostsee-Zeitung dju Tarifeinheit

Archiv

  • Juni 2019
  • Januar 2019
  • Juni 2017
  • März 2017
  • Februar 2017
  • Mai 2016
  • November 2015
  • Juni 2015
  • Oktober 2014
  • September 2013
  • August 2013
  • Juni 2013
  • April 2013
  • Februar 2013
  • Januar 2013
  • November 2011
  • Oktober 2011
  • Juni 2011
  • Mai 2011
  • Februar 2011
  • Dezember 2010
  • November 2010
  • Oktober 2010
  • September 2010
  • August 2010
  • April 2010
  • Februar 2010
  • Dezember 2009
  • Januar 2005


  • Gemeinsame Sache

    Beitrag vom 24.08.10

    aus Journalist 08/2010

    Es bewegt sich was: Ob in Bremen, Freiburg oder Saarbrücken – die gemeinsamen Vergütungsregeln werden in einigen Redaktionen angewendet. Dafür sorgen engagierte Betriebsräte, gut vernetzte DJV-Leute und die Freien selbst. Viele Wege führen zum Ziel: Bei der Bremer Tageszeitungen AG (Bretag) war es der sanfte Druck des Betriebsrats. Er hatte nicht locker gelassen und immer wieder nachgefragt, wenn er sich mit dem Vorstandsvorsitzenden Ulrich Hackmack traf. Die Hartnäckigkeit führte zum gewünschten Ergebnis: Die Chefredaktion teilte den Ressortleitern am 1. Juni mit, dass hauptberufl iche freie Journalisten, die ihre Ansprüche geltend machen, nach den gemeinsamen Vergütungsregeln zu bezahlen sind. „Feste und Freie müssen zusammenhalten“, sagt Redakteur und Betriebsrat Carsten Spöring. Dann funktioniere es. Beim Weser-Kurier und bei den Bremer Nachrichten falle das Honorar jetzt teilweise bis zu 20 Prozent höher aus als früher. Vorstand Ulrich Hackmack steht nicht nur an der Bretag-Spitze, sondern ist zudem Vorsitzender des Verlegerverbands Bremen. Dass er mit positivem Beispiel vorangeht, sollte man erwarten.
Die gemeinsamen Vergütungsregeln sind für alle Tageszeitungen verbindlich.

    Doch ein halbes Jahr nach Inkrafttreten des Regelwerks klagen viele Freie noch immer über eine miserable Bezahlung. Die zwischen dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger und den Journalistengewerkschaften DJV und dju in ver.di getroffene Vereinbarung über angemessene Honorarsätze ist also längst nicht überall umgesetzt. Es gibt noch Streit und etliche Verweigerer. Vielen freien Journalisten fehle der Mut, ein höheres Honorar zu verlangen, sagt Ursula Meschede, Justiziarin
beim DJV Niedersachsen. Vor allem Freie, die im Lokalen und Regionalen schreiben und nahezu abhängig sind von den Aufträgen einer Redaktion, befürchteten Nachteile. „Von sich aus setzen die Verlage aber nichts um, man muss es schon einfordern.“

    Negative Konsequenzen

    Um Sanktionen zu vermeiden, sollten die Betroffenen ihre Ansprüche möglichst gemeinsam geltend machen, empfiehlt Michael Hirschler, der
Freien-Experte in der Bonner DJV-Zentrale. Doch vor negativen Konsequenzen ist man trotzdem nicht sicher. Beispiel Frankenpost: Zwei freie Mitarbeiter, Beate Franck und Ronald Dietel, hatten sich dort zusammengetan und bei Chefredakteur Johann Pirthauer eine Honorarerhöhung erbeten. Die Antwort kam postwendend: „Ich wünsche Ihnen für Ihre berufliche Zukunft alles Gute.“ Die Frankenpost erklärte: Man sei mit den Leistungen von Beate Franck unzufrieden, habe sich ohnehin von ihr trennen wollen. Mit Ronald Dietel wolle man weiter zusammenarbeiten. Tatsächlich hat Dietel sich inzwischen mit der Frankenpost geeinigt – ob er nun nach den Vergütungsregeln bezahlt wird, wollte er nicht verraten. Franck hält die Begründung für ihren Rausschmiss für vorgeschoben. Sie arbeitete 25 Jahre lang als Redakteurin bei dem Blatt, bevor sie ihre Fest anstellung aufgab und nur noch als Freie schrieb.

    In Hessen, wo Verlage weder den Tarifvertrag für arbeitnehmerähnliche Freie noch die gemeinsamen Vergütungsregeln anerkennen, unterstützt der DJV-Landesverband jetzt eine Klage – Geschäftsführer Achim Wolff hofft auf ein Grundsatzurteil: Eine Journalistin, die für eine Lokalzeitung schrieb, hat seit August 2009 kein Honorar mehr bekommen. Sie reklamiert jetzt nicht nur das ausstehende Honorar, sondern eine „angemessene Vergütung“ nach dem Urhebergesetz – rückwirkend zum 1. August 2009. So weit muss es nicht kommen. Jürgen Heinemann, Chefredakteur und Geschäftsführer der Kieler Nachrichten, ließ sich in einem Gespräch mit DJV-Landeschef Michael Frömter überzeugen. „Wir setzen die gemeinsamen Vergütungsregeln um – und zwar unaufgefordert“, sagte Heinemann dem journalist.

    Seit Mai werde nach dem neuen Regelwerk bezahlt –allerdings orientiere man sich am unteren Level. „Wir schauen uns jetzt an, was das in der Praxis bedeutet.“ Heinemann rechnet damit, dass das Honorar budget im kommenden Jahr um 15 Prozent erhöht werden muss. Ein Thema, das auch auf die Saarbrücker Zeitung (SZ) zukommt. Denn Ulli Wagner, die Vorsitzende des Saarländischen Journalistenverbands (SJV), hat erreicht, dass hier die gemeinsamen Vergütungsregeln ebenfalls maßgeblich sind. Im Saarland arbeiten fast alle Freiberufler, die für Tageszeitungen schreiben, für die Saarbrücker Zeitung. Umso dringender erschien es der Chefi n des Saarländischen Journalistenverbands, mit SZ-Chefredakteur Peter Stefan Herbst eine Lösung zu finden.

    „Saarländische Lösung“

     
    Nach wenigen Gesprächsrunden im kleinen Kreis stand diese „saarländische Lösung“, wie sie selbst sagt, fest, und der SJV hat jetzt auf dieser Absprache für 18 Freiberufl er eine Bezahlung nach den neuen Regeln geltend gemacht. Als Nachweis für deren hauptberufl iche Tätigkeit reichte der SJV eine Bescheinigung der Künstlersozialkasse (KSK) ein und für Journalisten, die bei der SZ weniger als 1.000
Euro im Monat verdienen, zusätzlich den Nachweis eines anderen Arbeitgebers. Die klaren Fälle, so Ulli Wagner, werden bereits von August an berücksichtigt. Der Rest werde noch einmal auf Verlagsseite geprüft. Denn das ist das Problem, das die Verlage beschäftigt: Wann ist ein freier Journalist tatsächlich hauptberufl ich tätig? Für DJV und dju ist die Sache klar: Presseausweis oder KSK-Bescheinigung müssten eigentlich als Nachweis ausreichen. Thomas Satinsky, Verleger der Pforzheimer Zeitung, hat indes „ein echtes Problem
mit dem Presseausweis“. Man könne nicht wirklich beurteilen, ob jemand hauptberufl ich arbeite oder ob er sich nur ein Zubrot verdiene. Er honoriere „freie hauptberufliche Journalisten nach den gemeinsamen Vergütungsrichtlinien, wenn sie sich an den Verlag wenden“. Bisher habe das aber noch niemand getan. Anders bei der Eßlinger Zeitung (EZ), wo es Mitte Juli viel Wirbel gab: Freie Mitarbeiter, die sich regelmäßig zu einem Stammtisch treffen, hatten in einem gemeinsamen Schreiben an die Chefredaktion eine angemessene Vergütung gefordert. Vergeblich warteten sie auf eine Reaktion. Selbst nachdem sich auf ihre Bitte hin ein dju-Vertreter eingeschaltet hatte, tat sich nichts. Die Freien kamen schließlich auf die Idee, eine Anzeige in der EßlingerZeitung zu schalten, um so die Leser auf ihr Problem hinzuweisen. Jetzt schlugen die Wellen hoch. Anstatt die Anzeige zu veröffentlichen, startete die EZ einen Rundruf: Die Freien sollten erklären, ob sie zu den bisherigen Konditionen weiterarbeiten. So erzählen es jedenfalls Betroffene.

    DJV und dju sahen sich zu einer Pressemitteilung veranlasst, in der von einem „empörenden Vorgehen
der Eßlinger Zeitung“ die Rede war. Geschäftsführer Werner Schumacher wiederum empörte sich über die Darstellung von DJV und dju: Die Eßlinger Zeitung, so Schumacher, habe von keinem ihrer freien Mitarbeiter einen Verzicht auf die gemeinsamen
Vergütungsregeln gefordert. Richtig sei vielmehr, dass alle freien Mitarbeiter auch rückwirkend zum 1. Februar die in den gemeinsamen Vergütungsregeln festgelegten Honorare erhalten, wenn sie ihre hauptberufliche journalistische Tätigkeit nachweisen. War die Aufregung übertrieben? Hat letztlich der öffentliche Druck gewirkt? Entscheidend ist: Die EZ will die Regeln anwenden und hat, wie zu hören ist, bereits die ersten Briefe an Freie verschickt. Freienrat in Freiburg Bei der Badischen Zeitung (BZ) in Freiburg ist man schon weiter. Dass hier die Sache so schnell und lautlos über die Bühne ging, hängt auch mit dem Freienrat zusammen, den es seit mehr als zehn Jahren bei der BZ gibt und der von der Chefredaktion anerkannt ist. Der Freienrat hatte sich 1998 nach einer Layout-Umstellung gebildet, die bei den Freien mit Honorareinbußen verbunden war. Eine kleine Revolution.
    Auch bei der Umsetzung der Vergütungsregeln hat sich der Freienrat eingebracht. Christian Rath, einer der gewählten Vertreter, kritisiert zwar, dass trotzdem nicht alles so optimal geregelt wurde, wie die Freien es sich gewünscht hätten. Doch er weiß auch, dass es ohne den Freienrat vielleicht schlechter aussähe. „Überall sollte es Freienräte geben“, meint er, „bei allen Zeitungen. Die müssten sich auch unter einander vernetzen.“ Das wäre dann schon eine große Revolution.

    Monika Lungmus ist
 journalist-Redakteurin.

    Diesen Artikel als PDF downloaden

    Kommentare